Schlagwort-Archive: Frankreich

Iles d’Hyéres: ein Reich für sich

Les Iles d’Or, die goldenen Inseln, so werden die Iles d’Hyeres auch genannt, die vor der französischen Riviera im azurblauen Meer schwimmen

Es ist diese Geschichte, die einen zu allererst gefangen nimmt, die Geschichte von Sylvia und Francois-Joseph Fournier. “Möchtest Du die Insel haben?”, hat er sie gefragt, damals, 1912. Sie hat ja gesagt, schließlich war sie Mitte zwanzig und frisch verliebt. Da blätterte ihr Francois-Joseph eine Million Francs auf den Tisch und machte ihr Porquerolles zum Hochzeitsgeschenk. Ein Insel mitten im Mittelmeer.

Vielleicht ist es deshalb noch so romantisch hier. Vielleicht aber auch, weil die Îles d’Or, zu deutsch, die ‚Goldenen Inseln‘ ihre Zukunft verschlafen haben. Denn während ein paar Kilometer weiter nordöstlich, rund um Cannes und Nizza, die Hotels in den Himmel gewachsen sind, ist hier das meiste geblieben, wie es war. Friedlich. Idyllisch. Ursprünglich.

Wie ein Frühstückshörnchen schwimmt Porquerolles im Meer. Am runden Inselrücken stürzen steile Felsen ins Wasser. Und auf der flachen Seite locken feine, weiße Sandstrände. „Mehrere Dutzend dieser Sandnischen gibt auf Porquerolles“, erzählt Madame Giglione, die Chefin im Hause ‚Relais de la Poste‘, einer kleinen Pension am Dorfplatz. . Sogenannte ‚cirques‘ – kleine Ecken in Felsen, versteckte Buchten zwischen Klippen, magische Orte zwischen dunkelgrünem Hintergrund und unverschämt blauem Wasser. Und dann ergänzt die Mittfünfzigerin mit den wasserblauen Augen, dass es ein Sport sei, sie zu finden, auch unter Einheimischen. …

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Ile de Ré: eine Insel zum Bleiben

Nur einen Steinwurf von La Rochelle entfernt schwimmt Frankreichs Sylt
im Atlantik – die Île de Ré, genauso mondän und mindestens genauso zauberhaft 

Es wären nur drei Kilometer gewesen. Drei Kilometer! Rauf auf die Fähre, zehn Minuten Überfahrt, runter von der Fähre, und sie hätte das Land jenseits des Meeres gesehen. Madame Bessot gießt die Geranien vor ihrem Häuschen und zupft ein paar welke Blätter vom Oleanderstrauch. Dann sinkt sie ein wenig schwerfällig auf die kleine grüne Holzbank im Schatten der alten Pinie. Was für eine Idee!, scheint sie zu denken und schnauft einmal tief durch. “Ich habe meine Insel niemals verlassen! Nicht per Schiff und auch nicht über die Brücke! Warum, um Gottes Willen, hätte ich das tun sollen, pourquoi, mon Dieu?”

Bei Gott, sie hätte viele Gründe gehabt, ihr Eiland einmal zu verlassen. Sie hätte einen Blick auf das seichte Wasser werfen können, das die Insel umhüllt wie ein weiches Laken. Auf die morschen, schwarzen Holzstümpfe, die sich mit jedem Niedrigwasser aus dem Meer schälen, und an denen sich Austern festklammern wie Ertrinkende an einem Strohhalm. Auf La Rochelle. Oder auf Rochefort. Stattdessen ist sie hier geblieben, 87 Jahre lang. Auf einer Insel, die gerade mal 30 Kilometer lang ist und an ihrer schmalsten Stelle nur 70 Meter misst.

Die Île de Ré, sagt man, ist eine Île de Blanche, eine weiße Insel. Die Fischerhäuschen in den kleinen Dörfern sind weiß gekalkt und der Oleander blüht hier weißer als irgendwo sonst auf der Welt. …

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Marseille und die Calanques

Marseille hatte lange Jahre einen schlechten Ruf. Dann bekam die Stadt einen Nationalpark vor der Tür und wurde auch noch Kulturhauptstadt. Jetzt ist Marseille eine Bilderbuchstadt

Es ist kurz nach neun, die Sonne wirft gerade ihre ersten milchigen Strahlen über die Häuser und auf den Fischmarkt. Michel steht von seinem Klappstuhl auf und streckt seine alten Glieder, er fängt an zu reden, er erzählt von Marseille, von seinem Leben als Fischer und zeigt Fotos aus längst vergangenen Zeiten. Michel auf seinem Boot. Michel mit seiner Frau. Michel, im Hintergrund der Marseiller Hafen. Vor ihm liegen kleine, getrocknete Seepferdchen, die er für fünf Euro das Stück an den Mann zu bringen versucht. Irgendwann zeigt er sein Schönstes, es steckt in seiner karierten Schirmmütze. Michel legt es sich auf die Hand, sagt, „das trage ich immer bei mir, „pour le bonheur“, als Glücksbringer.

Autos schieben sich hupend vorbei und um den alten Hafen herum, den Vieux-Port, in dem Segel- und Motoryachten schaukeln, Fischerboote und kleine Fähren. Lange Zeit haben die karamelbonbonfarbenen Fassaden der ältesten Stadt Frankreichs beim Verfall zugesehen. Jahrzehntelang galt Marseille als Wrack. Die Ölkrise. Die hohe Arbeitslosigkeit. Einwanderungswellen, die unkontrolliert über die Stadt hinwegschwappten, sie fast überrollten. Und jetzt? Jetzt hat Marseille sich neu erfunden. Die alten Sandsteinhäuser sind herausgeputzt, der Hafen ist blitzblank, direkt neben Michel und dem Fischmarkt ragt nun ein neues, megamodern scheinendes Sonnendach in den blauen Himmel, das die Spiegelbilder der Spaziergänger einfängt. …

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