Ile de Ré: eine Insel zum Bleiben

Nur einen Steinwurf von La Rochelle entfernt schwimmt Frankreichs Sylt
im Atlantik – die Île de Ré, genauso mondän und mindestens genauso zauberhaft 

Es wären nur drei Kilometer gewesen. Drei Kilometer! Rauf auf die Fähre, zehn Minuten Überfahrt, runter von der Fähre, und sie hätte das Land jenseits des Meeres gesehen. Madame Bessot gießt die Geranien vor ihrem Häuschen und zupft ein paar welke Blätter vom Oleanderstrauch. Dann sinkt sie ein wenig schwerfällig auf die kleine grüne Holzbank im Schatten der alten Pinie. Was für eine Idee!, scheint sie zu denken und schnauft einmal tief durch. “Ich habe meine Insel niemals verlassen! Nicht per Schiff und auch nicht über die Brücke! Warum, um Gottes Willen, hätte ich das tun sollen, pourquoi, mon Dieu?”

Bei Gott, sie hätte viele Gründe gehabt, ihr Eiland einmal zu verlassen. Sie hätte einen Blick auf das seichte Wasser werfen können, das die Insel umhüllt wie ein weiches Laken. Auf die morschen, schwarzen Holzstümpfe, die sich mit jedem Niedrigwasser aus dem Meer schälen, und an denen sich Austern festklammern wie Ertrinkende an einem Strohhalm. Auf La Rochelle. Oder auf Rochefort. Stattdessen ist sie hier geblieben, 87 Jahre lang. Auf einer Insel, die gerade mal 30 Kilometer lang ist und an ihrer schmalsten Stelle nur 70 Meter misst.

Die Île de Ré, sagt man, ist eine Île de Blanche, eine weiße Insel. Die Fischerhäuschen in den kleinen Dörfern sind weiß gekalkt und der Oleander blüht hier weißer als irgendwo sonst auf der Welt. …

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